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KARL MARTIN HOLZHÄUSER

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Abstrakte Lichtmalerei – Fotografie um ihrer Selbst willen   Karl Martin Holzhäusers abstrakte Kompositionen sind Malereien aus Licht, entstanden in der Dunkelkammer mit einem Lichtinstrument in der Hand. Die flirrenden Farbspiele verweisen auf keine Realität, es sind Bilder ohne Illusion, ohne Suggestion oder Anspielung auf Wirklichkeit. Stärker als das Resultat eines individuellen Ausdruckswillen sind sie das Ergebnis gedanklicher Planung und Konzeption. Ihre Schönheit entspringt ihrer naturhaften Selbstgenügsamkeit.   Was ist die Fotografie, wenn sie nicht die Wirklichkeit abbildet? Trotz eines gesteigerten Interesses an fotografischen Arbeiten innerhalb der letzten Jahre, auch trotz einer größeren Toleranz dem Motiv gegenüber, die aus der Gewöhnung an computergenerierte Eingriffe erwachsen ist, richten sich die Erwartungen noch immer auf erzählerische Inhalte. Obwohl die visuelle Aufklärung dafür gesorgt hat, dass ihnen nicht mehr blindlings geglaubt wird, wird ihnen noch immer der Vorzug gegeben. Karl Martin Holzhäusers Entscheidung, auf eine Referenz an die Natur oder an die Wirklichkeit zu verzichten, basiert auf dem Wunsch, der Fotografie Eigenständigkeit zu verleihen, d.h. einen eigenen Wert jenseits dessen, bloß Abbild zu sein. Dazu gehört auch die Erforschung der spezifischen Komponenten und ihrer Wirkungen untereinander. Die gegenstandslosen Fotografien haben ihren Sinn in sich selbst. Der Verzicht auf die Abbildfunktion geht einher mit dem Verzicht auf die Kamera. Damit führt Holzhäuser die Fotografie auf das zurück, was sie im elementaren Sinne ausmacht: die chemische Reaktion von Licht auf Fotopapier. Die Parameter dieses technischen Prozesses, den er selbst Lichtmalerei nennt, gehorchen in ihren Kombinationen einer strengen, selbstauferlegten Systematik und fügen sich klaren Beschränkungen, die vorab für jede Arbeit festgelegt wird. Der Betrachter kann die Offenheit der künstlerischen Deklinationen der Komponenten Licht, Farbe, Bewegung und Raum ermessen, nachvollziehen und mit sich selbst in Beziehung setzen. Er wird ihr frappantes Schweben bemerken, die Transparenz der Farben, die wie im Aquarell übereinander leuchten und er wird verstehen, dass die Arbeiten ein Erlebnis offenbaren, das mehr ist als die Summe seiner Teile.   Die Konzentration auf Licht Holzhäusers Œuvre nimmt seinen Ausgang in der kritischen Haltung der Kunst der späten 60er Jahre. Diese setzte als Protest zur medialen Bilderflut ein, als deren scheinbare Wirklichkeiten immer unreflektierter konsumiert wurden. Seinen konkreten Ursprung hat es in der Bewegung der Generativen Fotografie. Sie formierte sich Ende der 60er Jahre und stand inhaltlich der Düsseldorfer Gruppe ZERO nahe. Früh hat er sich entschieden, sich als Fotograf auf das Licht als das ursprünglichste Element zu konzentrieren. Er griff damit die Tradition des Luminogramms auf, das vor ihm vor allem László Moholy-Nagy erforschte. Unter Einsatz eines selbstentworfenen Instruments „malt“ er, d.h. führt er seine Lichtquelle direkt über Positivpapier. Unsichtbar, bis zu dem Moment, wo das Papier entwickelt wird. Bis zu zwanzig Belichtungsdurchläufe erfährt manches Blatt, variierend an Farben, Geschwindigkeiten, Längen, Breiten und Abständen der Streifen zueinander aber auch an der Laufrichtung des Lichts. Das Farbspektrum bleibt meistens auf die Grundfarben Blau, Grün und Rot beschränkt. Eiweißlasuren, mit Sprühkleber auf die Filter gebracht, sorgen für die verschiedenen Nuancen. Dadurch erreicht das Licht einen in diesem Medium einzigartigen Effekt. Die einzelnen Farbstränge lassen nicht nur erkennen, wie stark der Künstler sich beim „Malen“ körperlich engagierte, ob das Licht schnell oder langsam über sie hinweg ging und in welchem Rhythmus. Mal rasen sie an einem vorbei, stocken unterwegs oder treten auf der Stelle. Dann wieder schwanken oder kreiseln sie. Ob lang oder kurz, der eigentliche Prozess des Belichtens vollzieht sich immer in Sekundenschnelle – nachdem er zuvor sorgfältig in Form von Skizzen und Formeln fixiert wurde. Einmal in der Dunkelkammer, kann sich Holzhäuser bei der Ausführung seiner Pläne nur noch auf sein Gedächtnis stützen. Am Ende überlagern und durchdringen sich einzelne Durchgänge wie transparente Folien und machen eine Orientierung innerhalb der Bildtiefe fast unmöglich. Das Zusammenspiel aus Licht, Farbe, Bewegung und Raum wird zum eigentlichen Thema und Inhalt der Blätter.   Dekonstruktion und Variation Der eingangs gestellten Frage, was die Fotografie ohne die Abbildung von Wirklichkeit sei, kommt Holzhäuser mit seiner Methode der technischen und formalen Dekonstruktion auf die Spur. Zuerst zerlegt er den fotografischen Prozess in seine Bestandteile. Mit der Kamera und der Realität der Welt um ihn herum klammert er zwei wesentliche Komponenten aus. Sein Ziel ist es, mit dem zu experimentieren, was ihm technisch noch bleibt: Licht, Farben, Bewegung, Helligkeit, Schärfe. Daraus gewinnt er inhaltliche Ableitungen. Die systematische, nach Zahlen geordnete Anordnung der Filter und Lichtbahnen erlaubt das Anfertigen eines präzisen, auf Zahlen aufbauenden Entwurfs. Der wiederum kann systematisch verändert und in seinem Grundgedanken variiert werden. So haben mathematische Prinzipien ihre Plattform, können individuelle Formeln zur Grundlage von Veränderungen gemacht werden. Holzhäuser spricht in diesem Zusammenhang in bewusster Anlehnung an digitale Vorbilder von „Programmen“. Hinsichtlich der Geschlossenheit seiner (gedanklichen) Programme lassen sich verschiedene Zustände verfolgen. Es gibt Werkgruppen die in ihrer Ausführung frei und gestisch erscheinen, die Raum lassen für einen spontanen, auch emotionalen Duktus. Dann wiederum gibt es Gruppen, die eine geschlossene Kalkuliertheit aufweisen, der selbst die eigenen Bewegungen untergeordnet sind. Seit Ende der neunziger Jahre jedoch hat der Zufall einen fest kalkulierten Platz in den Programmen von Karl Martin Holzhäuser. Ob in offener oder geschlossener Form, es geht ihm in der abstrakten Fotografie immer um das Gefüge, die Struktur: um  Flächen, die auseinander driften, formale Zusammenhänge, die sich auflösen, Linien, die erst positiv und plötzlich negativ erscheinen, ihre Richtungen mal weisen dann aber aufgebend, kurz: um das Leben.   Petra Prahl